THEMA: DREHBUCH

THEMA: DREHBUCH

Was ist ein Drehbuch?

Definitionsgemäß ist das Drehbuch die Textgrundlage für einen Film. Es umfasst alles, was man im fertigen Film sieht und alles, was man hört. Die Handlung, die Figuren, das Thema – kurzum, die Geschichte, die man erzählen möchte. In diesem Eintrag widmen wir uns der Spielfilmdramaturgie. Die Unterschiede zur Seriendramaturgie würden einen eigenen Blogeintrag füllen.

Jedes Drehbuch stütz auf den drei Cs:

  • Character, die Hauptfigur. In den meisten Filmen erleben wir die Welt aus der Sicht der Hauptfigur und durchleben die Geschichte gemeinsam mit ihr. Sie treibt die Geschichte voran, hat ein klares Ziel sowie ein Bedürfnis. Dieses liegt oftmals im Verborgenen und ist allen anderen früher klar als dem Helden selbst.
  • Conflict, das Problem das gelöst werden muss. Was will die Hauptfigur? Was steht ihr im Weg? Welche Kräfte hindern sie, ihr Ziel zu erreichen? Welche Bedürfnisse und Wünsche hat sie? Stehen sie im Widerspruch zum eigentlichen Ziel? Das wäre gut und wünschenswert, da der Held sich dann sowohl in einem äußeren als auch einem inneren Spannungsfeld bewähren muss. Der Antagonist steht für das Hindernis, das sich dem Protagonisten in den Weg stellt. Die besten Geschichten sind die, in denen der Antagonist mindestens genauso stark ist, wie der Protagonist. Auch gut, wenn die beiden einander unliebsame Charakterzüge spiegeln.
  • Concept, die Welt in der der Film spielt. Ist es Dein Alltag, oder eine Welt, die Dir vertraut ist? In welcher Epoche spielt der Film? Ist es eine reale oder fiktive Welt? Oder ist es ein sogenanntes Story-Universum, deren Regeln dem Zuschauer im Laufe des Films erst erklärt werden müssen? Da es sehr arbeitsintensiv ist, eine in sich schlüssige neue Welt aufzubauen, eignen sie sich eher für Serien, Mehrteiler oder Games.

Drehbücher werden in der Gegenwartsform geschrieben. Die Länge eines Drehbuches wird von der Länge des Films bestimmt, den man vor Augen hat. Als Faustregel gilt: eine Seite Drehbuch für eine Minute Film. Das Drehbuch für einen 90-Minuten Spielfilm wird an die 90 Seiten lang sein, das Drehbuch für einen Kurzfilm entsprechend kürzer.

Wichtig ist, dass die Geschichte, die ich erzählen will, in aufeinander aufbauenden Szenen ausgeschrieben wird. Alle Dialoge sind da, und zwar in genau festgelegter Reihenfolge. Es werden Angaben zum Spielort (Innen/Außen) und Spielzeit (Tag/Nacht) für jede Szene gemacht. Informationen für die Requisite, Ausstattung, Licht–sowie Wetterstimmung werden gesetzt. Auch Tiere und Pflanzen sowie Geräusche und Spezialeffekte werden hineingeschrieben, sofern sie für das Vorantreiben der Handlung wichtig sind.

So weit, so gut. Doch wie soll man all das liefern, wenn man nur ein zartes Ideenpflänzchen in der Hand hat? Indem man mutig ist, denn

„Die Menschen stolpern nicht über Berge, sondern über Maulwurfshügel.“
Konfuzius

Das Leben lehrt uns, dass sich auf unserem Weg viele Maulwurfshügel manifestieren, die es zu umgehen gilt. Die Gewissheit, dass sie kommen werden und der geübte Umgang mit ihnen, macht es einfacher, vorbereitet zu sein. Beim Schreiben verhält es sich nicht anders.

Um die ersten Maulwurfshügel in unserer Stoffentwicklung frühzeitig zu bemerken, hilft es, grob einer Struktur zu folgen.

Was ist eine Struktur?

Sie ist ein unsichtbares Gerüst, auf dem unsere Geschichte fußt. Ein Fundament, dass gleichzeitig stabil und flexibel sein muss. Struktur ist gleichermaßen Reizwort und Rettungsboot. Die einen fühlen sich eingesperrt, hineingezwängt, fühlen sich an Malen-nach-Zahlen erinnert. Andere wiederum schätzen die Ankunft des herbeieilenden Rettungsbootes, während man auf einem Holzbrett auf stürmischer See herumtreibt. Die klassische Form, die Drei-Akt-Struktur, wie bereits von Aristoteles festgehalten, beinhaltet:

Der Anfang / Exposition / Erster Akt (Seite bzw. Filmminute 1 – 15)

Wir lernen die Hauptfigur und ihre Welt sowie weitere Figuren kennen. Es ist die normale Welt, der Alltag der Figuren, ihr Status quo. Hier erfahren wir, was das grundlegende Thema des Films ist.

Der Anfang ist auch immer ein Versprechen an den Zuschauer. In den ersten fünf Minuten (bzw. den ersten fünf Seiten unseres Drehbuches) sollte der Zuschauer erfahren, was für eine Art Geschichte er nun zum Sehen bekommt. Wer ist die Hauptfigur und worum geht’s? Das sollte man klar setzen. Vor allem, es dem Zuschauer hier versprechen und im Laufe des Films auch einlösen. Meist verzeihen die Zuschauer die Enttäuschung nicht, die sie erleben, wenn am Ende nicht das eintritt, was man am Anfang eingeläutet hat. Nur Unentschiedenheit ist schlimmer.

Der Anfang mündet in einem Bruch, in der ersten Krise. Das „Problem“ der Hauptfigur wird erkennbar. Es ist der Point-of-No-Return, der Moment, an dem der Held nicht mehr zurückkann und gezwungen ist, den Status quo endgültig zu verlassen und zu handeln.

Die Mitte / Konfrontation / Zweiter Akt (Seite bzw. Filmminute 15 – 75)

Die Hauptfigur versucht, das „Problem“ zu lösen. Es ist die Entwicklung der Geschichte. Schafft unser Protagonist, die inneren und äußeren Hindernisse zu überwinden? Gewinnt er am Ende? Rettet er die Erde, kriegt das Mädchen, kommt an seinem Ziel an?

In der Mitte des zweiten Aktes und somit in der Mitte des Films, ist der Midpoint. Ein großer Wendepunkt, ein vorläufiger Höhepunkt, an dem unser Held meist sein Ziel erreicht hat, aber sein wahres Bedürfnis in weite Ferne gerückt ist. Oder, die Schlacht mit dem Bösewicht ist geschlagen, doch ein bislang verborgener, noch größerer Bösewicht muss noch besiegt werden. Oder, der Jäger wird zum Gejagten. Der Midpoint ist traditionellerweise auf den Seiten bzw. bei Filmminuten 44-46 zu finden.

Der zweite Akt mündet in einem weiteren Höhepunkt, nach dem sich die Geschichte meist abermals dreht.

Das Ende / Auflösung / Dritter Akt (Seite bzw. Filmminute 75 – 90)

Die Lösung des Problems. Ein schlüssiges und befriedigendes Ende. Die Haupt- und alle Nebenerzählstränge wurden beantwortet. Auch wenn das Ende offen ist, muss dies ein Gefühl bei dem Publikum erzeugen. Ganz gleich, ob dies ein beflügelndes, lähmendes oder sorgenvolles Gefühl ist. Wenn es Dir egal ist, wie Deine Geschichte endet, wie egal ist es erst dem Leser und dem Zuseher?

Von der Länge her, zählt der erste Akt also meist 1/4 des Filmes, bei einem Spielfilm also 15 Seiten, der zweite Akt 1/2 oder 60 Seiten und der dritte Akt wiederum 1/4 der Zeit oder 15 Seiten.

Der nächste Maulwurfshügel für uns Autoren bilden

Die Figuren

Es gibt so viele Menschen da draußen, über die es sich lohnen würde, einen Film zu machen. Um die vielen Eindrücke und Ideen zu bündeln und so die nötige Schlagkraft zu erzeugen, kann man sich mit einer Figurenbiografie behelfen. Diese fängt mit der fiktiven Geburt der fiktiven Figur an und endet an dem Tag, an dem der Film losgeht. Es ist die Vorgeschichte unserer Figur. Ein Film handelt meistens von einem kleinen Ausschnitt, einer kurzen Zeitspanne (meistens ein paar Tage oder Wochen) ihres Lebens. Oder man beantwortet einige Fragen, um ein Gefühl für die Hauptfigur zu bekommen, wie zum Beispiel:

  • Wie sieht die Figur aus? Alter, Geschlecht, Statur, Typ, allgemeines Erscheinungsbild. Hat die Figur einen körperlichen Makel, eine Narbe, eine körperliche oder geistige Versehrtheit? Wenn ja, wie geht sie damit um?
  • Was ist ihr Background? Hat sie eine Familie? Wenn ja, wie sieht die aus? Eltern, Geschwister, Großeltern, Enkel? Lebt sie alleine? Wenn ja, warum? Ist sie verheiratet? Wenn ja, warum und mit wem? Ist es eine glückliche Verbindung? Hat die Figur eine eigene Familie gegründet, hat sie Kinder? Aus welcher sozialen Schicht kommt sie? Welche ethnische und religiöse Zugehörigkeit hat die Figur? Welche sexuelle Orientierung hat sie? Ist sie in der Nachbarschaft integriert?
  • Beruf und Ausbildung? Bildungsgrad? Besondere Fähigkeiten und (auch schlummernde) Talente? Hobbys?
  • Was sind ihre größten Träume, tiefsten Ängste, hässlichsten Albträume, verborgene Fantasien?
  • Ist sie oft einsam? Hat sie Feinde? Viele Freunde oder eher Eigenbrötler? Pflegt sie Bekanntschaften? Hat sie Affären?
  • Da man hier leicht ein überbordendes Dossier zustande bringt, lohnt es sich, nur diejenigen Aspekte der Figur zu beleuchten, die auch für die Geschichte relevant sind.

Unser dritter, großer Maulwurfhügel ist das Thema.

Was ist das Thema?

Es ist das, was ich erzählen möchte. Meine Sichtweise, mein persönlicher Blick auf die Welt. Ein Zustand oder eine Situation die mich aufregt. Ein Setting, dass mich interessiert. Ein Missstand, der so ungeheuerlich ist, dass ich darüber einfach schreiben muss. Um das Thema meiner Geschichte herauszufinden, gilt es, sich permanent zu fragen:

Was will ich eigentlich erzählen?

Oft verbirgt sich hinter einer Geschichte ein sehr persönliches und oft auch unbewusstes Gefühl, das der Autor zum Ausdruck bringen will. Dieses Gefühl treibt die Geschichte voran. Es ist in jeder Szene unterschwellig präsent und verleiht Kraft und Ausdruck. Es hält die Geschichte zusammen. Deswegen lohnt es sich, sich immerfort zu fragen, was man eigentlich erzählen möchte. Wenn sich die Antwort darauf im Laufe der Zeit ändert, ist das nicht schlimm, sondern ein Zeichen, dass man sich ehrlich mit dem Thema auseinandersetzt.

Stufen der Stoffentwicklung

Meistens schreibt man die Idee in Form eines Ideenpapiers oder sogenannten Pitchpapers auf. Mit diesem tritt man vor Produzenten und andere interessante Mitstreiter, wie etwa Regisseure oder Schauspieler, und versucht sie, für seine Idee zu begeistern. Das Ideenpapier ist meistens 1 bis 3 Seiten lang.

Ein Exposé ist die nächste und, hoffentlich bezahlte, Entwicklungsstufe. Das ist ein Verkaufspapier, mit dem man an Finanziers (Sender, Filmförderungen, kapitalstarke Filmproduktionen) tritt. Ein Exposé ist 5 bis 10 Seiten lang und liest sich wie ein Verkaufspapier. Es beinhaltet das Thema, die Haupthandlung und alle wichtigen Figuren. Die großen Wendepunkte sind klar gezeichnet, ebenso die Atmosphäre. Das Exposé soll Lust auf mehr machen. Es ist ein Versprechen über den Film, der noch zu entstehen hat.

Die nächste Stufe ist das Treatment, dass 15 bis 40 Seiten lang ist. Es beinhaltet alle Szenen, jedoch noch ohne Dialoge. Der Haupt- und alle Nebenstränge sind dargestellt, alle Figuren, alle Wendepunkte sowie deren Vor- und Nachbereitungen.

Abschließend, nun ein paar Anregungen und Übungsansätze. Vergiss den inneren Zensor und wirf den eigenen Perfektionismus über Bord. All das blockiert Dich nur auf dem Weg, sich durchs Schreiben zu befreien, sich zu verwirklichen oder einfach eine gute Zeit zu haben.

Inspirations-Training:

Filme analysieren: schau Dir Deine Lieblingsfilme an und versuche herauszufinden, wann die Wendepunkte stattfinden. Am geeignetsten sind Hollywoodfilme, da sie meist der klassischen Drei-At-Struktur folgen. Gute Beispiele sind, zugegebenermaßen, etwas ältere Filme wie: „Toy Story“, „Die Hard“, „Das Apartment“, „Sein oder nicht Sein“, „China Town“ oder „Taxi Driver“. Die Liste ist endlos.

Die Drei-Satz-Übung: nimm ein Blatt Papier und einen Stift zur Hand und schreibe die folgenden drei Sätze auf. Der erste Satz enthält die Hauptfigur und sagt etwas über ihre Welt aus. Beginne diesen Satz mit:

Jeden Tag…

Der zweite Satz birgt ein Ziel, ein Hindernis oder ein Problem für die Hauptfigur. Beginne ihn mit:

Eines Tages…

Der dritte Satz bringt die Lösung und zeigt auf, wie sich die Hauptfigur verändert hat. Fange den Satz an mit:

Seitdem…

Beispiel: Jeden Tag fährt der einsame Landwirt und Tropenfan Martin auf seine kargen Felder, um sie zu bestellen. Eines Tages findet er dort einen Koffer voller Geld und ein angeschossenes, schönes Mädchen, dass unter Amnesie leidet. Seitdem hat Martin sich, das Mädchen und das Geld gegen die Mafia, die Polizei und den kriminellen Ex des Mädchens verteidigt und lebt nun, glücklich und zufrieden, mit dem schönen Mädchen in einem tropischen Paradies.

Diese Übung vermittelt ein Gefühl für Geschichten. Ein Gefühl, dass Geschichten einen Protagonisten brauchen und ein Ziel sowie einen Konflikt. Daraus ergeben sich fast automatisch Anfang, Mitte und Ende einer Geschichte.

Übung zu den drei Cs:

  • Context: Lege eine Welt fest, die Du gerne hast. Es ist hilfreich, wenn Du eine aussuchst, die Du gut kennst. Wo und wann spielt der Film? In welchem Milieu? Welches Genre? Gibt es ein Setting aus dem echten Leben, dass Du gerne hast, Dich fasziniert und Du freiwillig Zeit mit der Recherche verbringen willst? Es kann alles sein – ein romantischer Blumenladen, ein riesiges Stahlwerk, eine Raumfahrtstation. Spielt das Ganze in der Gegenwart, in einer bestimmten, vergangenen Epoche oder in der nahen oder gar fernen Zukunft? Oder ist es eine Welt, die es so noch nie gab? Lass Deiner Fantasie freien Lauf und denk erst mal nicht, wie teuer oder aufwendig das Ganze werden wird.
  • Conflict: Überlege Dir, welche Konflikte es in dieser Welt geben kann. Was ist der Hauptkonflikt? Dieser bestimmt das Genre mit, denn es macht einen Unterschied, ob es um die Aufklärung eines Verbrechens, die Rettung der Menschheit oder eine neue Liebe geht. Du entscheidest und ziehst es die konsequent durch.
  • Character: Überlege Dir, welche Figuren am besten diesen Konflikt austragen können. Je vielschichtiger und authentischer, desto interessanter wird Dein Drehbuch für den Leser und der fertige Film für den Zuschauer.

Weiterführende Literatur

Für Einsteiger:

Field, Syd: „Das Drehbuch – Die Grundlagen des Drehbuchschreibens“; Autorenhaus Verlag, Berlin, 2007
McKee, Robert: „Story. Die Prinzipien des Drehbuchschreibens“; Alexander Verlag, Berlin, 2011

Für Ambitionierte:

Campbell, Joseph: „Der Heros in tausend Gestalten“; Insel Verlag, Berlin, 2011
Egri, Lajos: „The Art of Dramatic Writing“; Touchstone, London, 1972
Parker, Philip: “Die Kreative Matrix. Kunst und Handwerk des Drehbuchschreibens“; UVK, Konstanz, 2005
Snyder, Blake: „Rette die Katze“; Autorenhaus Verlag, Berlin, 2015

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